Wir doch nicht!

Zwickauer Zelle Wochenzeitung „Die Zeit“ vom 25. November 2011

Ausgerechnet Zwickau: Keiner der Mörder kam von hier. Aber die Stadt ist auch nicht unschuldig an ihrem Schicksal. Zwickaus Neonazi-Infrastruktur machte es dem Trio erst möglich abzutauchen

Ginge es nach Peter Klose, dann hätte Gadhafi in Zwickau Asyl erhalten. Es gäbe eine U-Bahn in der Stadt. Und das Leitungswasser wäre weniger braun. Dies sind die Anträge, mit denen Peter Klose, 58, zuletzt als Mitglied des Zwickauer Stadtrates aufgefallen ist. Er ist Ex-Landtagsabgeordneter der NPD, Ex-Mitglied der NPD, überzeugter Rechtsextremist. Man weiß von ihm, dass er seines »Freundes« Hitler an dessen Geburtstag gedenkt, mitunter die Reichsflagge aus dem Fenster hängt und die Hundesteuer für seinen »Adolf« nicht gezahlt hat. Man wusste, dass er eine Schraube locker hat. Man zerriss sich das Maul über diesen Mann. Selbst der NPD war Klose peinlich. Rechtsradikale, die fielen in der Stadt Zwickau bisher vor allem in die Rubrik Bizarres.

Der Ort, an dem dieses Bild zerstört wurde, heißt Frühlingsstraße. Es war am 4. November 2011, als Beate Z. dort die Wohnung ihres Terrortrios abfackelte. Nun sagt dort ein Passant: »Man hält’s hier kaum noch aus. Das wird noch ein richtiges Räuberviertel hier.« Zwickau: 100.000 Einwohner, weit im Westen Sachsens, 20 Kilometer vor Thüringen. Man ist sehr stolz auf Audi und Robert Schumann, zwei sächsische Marken, geboren in dieser Stadt. Für den Rest der Republik ist Zwickau nun das braune Kaff, in dem der Terror wohnte. Die Zeitungen schreiben von der »Zwickauer Zelle« und meinen Beate Z., Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Jenes Trio, das allem Anschein nach wie eine Horde Schlächter durch Deutschland zog. Und seine Tour in einem makabren Videofilm in Paulchen-Panther-Optik zusammenfasste. Der Rechtsextremismus zeigt Zwickau und dem ganzen Land seine mörderische Seite. Alle haben ihn unterschätzt. Und für die Stadt ist es bittere Ironie: Drei Thüringer, die nie hier gemeldet waren, haben Zwickau erst richtig berühmt gemacht.

Nun, drei Wochen nach dem Brand, kann man in ihre Wohnung schauen wie in ein verkohltes Puppenhaus. Es flanieren Touristen und Journalisten, Einwohner und Fremde, schaulustig den abgebrannten Dachstuhl beäugend. Feuerwehrmänner klettern durchs Gebälk, Polizisten wachen, und eine Reporterin aus Finnland, »größte Tageszeitung aus Helsinki«, interviewt einen Griechen, der seit Tagen durch die Medien geistert, weil er im selben Haus ein Lokal betrieb. Beate Z. sei mehrmals bei ihm zu Gast gewesen, erzählt der Mann. »Wir hatten ein gutes Verhältnis. Vielleicht lag das an meinen Cocktails.« Er sagt auch noch, er könne nur Gutes über sie berichten. Es gibt in Zwickau einen Griechen, der kein schlechtes Wort verlieren mag über die mordenden Neonazis seiner Nachbarschaft. Und nicht nur das ist verwirrend in diesen Tagen und in dieser Stadt. Über die das Schicksal hereingebrochen ist. Die aber daran nicht schuldlos ist.

Denn es gab Helfer des Trios, auch aus Zwickau. Es gibt Neonazis, die hier leben. Zwei davon, André und Susann E., sollen den Mördern etwa bei der Produktion ihres Paulchen-Panther-Videos geholfen haben. Noch andere stehen in Verdacht, das Trio gekannt zu haben. Böhnhardt, Mundlos und Frau Z. stammen zwar aus Thüringen. Aber sie sind auch ein Zwickauer Problem. Ein sächsisches. Die ganze Illusion vom behaglichen Sachsen flog mit einem Dachgeschoss in die Luft.

Peter Klose ist der einzige Rechtsextremist im Stadtrat, er macht dieser Tage Schlagzeilen. Das liegt an seinem Internetprofil bei Facebook. Er nannte sich dort Paul Panther. Lange bevor das Video mit der Comicfigur öffentlich wurde, in dem sich die Mörderbande ihrer Taten rühmte. Ein Zufall? Ja, sagt Klose und brüllt da fast ins Telefon. Wusste Klose, Zwickaus führender Nazi, wirklich nichts vom mörderischen Treiben? »Ich kenne die drei überhaupt nicht«, poltert er. Alles andere solle man mit seinem Vertrauten besprechen. Der heißt Heiko Richter, ist ein Mann mit langem Haar. Ein Zwickauer Videojournalist. In seinem Büro läuft Polizeifunk. Richter sagt, von ihm stammten die ersten Aufnahmen des Brandes, sie liefen heute noch auf allen Sendern. Er sei »politisch wertfrei«, sagt Richter. Aber er lässt sich von einem Neonazi zum Pressesprecher ernennen. »Das mit Klose und Paul Panther ist Zufall«, sagt er. »Ich habe ihn explizit danach gefragt. Das ist eine tote Spur.« Richter sagt noch: »Meine Kinder gucken auch Paulchen Panther. Sind sie jetzt Terroristen?« Warum er Klose hilft? Der sei sein »Informant«, den er »nicht verbrennen« wolle. »Ich kenn den Klose. Der ist tapsig«, sagt Richter. Ein Journalist, der sich unabhängig nennt, spricht für einen Neonazi? Auch dies gehört zu den Absurditäten des neuen Zwickau. Und hochverdächtig ist manchen in der Stadt nicht nur Peter Klose. Den halten sogar viele für nicht schlau genug, als dass Böhnhardt, Mundlos und Z. ihn eingeweiht hätten.

Schlau genug finden viele Christian Bärthel: Der galt als Kloses Vordenker, als dieser noch im Landtag saß, und leitete dessen Bürgerbüro. Bärthel, 37, stammt aus Ronneburg, Thüringen. Er lebt dort auch heute. Er ist wegen Volksverhetzung verurteilt, pflegt gute Kontakte in die Kameradschaftsszene. Er sagt: »Ich kenne das Trio nicht. Wir wundern uns ja selbst, dass wir die ganze Zeit nichts mitbekommen haben.« Fast klingt es bedauernd. Klose übrigens, »der Peter«, sei schuldlos. Habe immer ein Faible für Comicfiguren gehabt. Bärthel räumt aber ein, dass der Jenaer Neonazi André K. von der Kameradschaft Thüringer Heimatschutz in Kloses NPD-Bürgerbüro ein und aus gegangen sei – einer der hochgradig Verdächtigen im Fall der sogenannten Zwickauer Zelle. Auch mit dem früheren thüringischen NPD-Landesvize Ralf Wohlleben, den die Ermittler offenbar für eine zentrale Figur in dem Terrorfall halten, sei man gut bekannt, sagt Bärthel. Beide, André K. wie Ralf Wohlleben, gelten als mögliche Unterstützer des »Nationalsozialistischen Untergrunds« um Böhnhardt, Mundlos, Z. Zwickau ist nicht ohne Schuld.

Das wird auch Pia Findeiß (SPD) wissen. Sie sitzt in einem Ledersessel und würde gerne lächeln. Es fällt ihr aber schwer. Findeiß ist Oberbürgermeisterin seit 2008. Ihr Rathaus ist ein Schmuckstück, frisch saniert. Sie könnte über die florierende Wirtschaft erzählen, Zwickaus Ingenieure. Journalisten fragen sie aber nur noch nach den Nazis. »Wie damals in Sebnitz« sei es, sagen schon manche. Das stimmt aber nicht. Sie selbst, sagt Findeiß, stelle sich stets die eine Frage. »Wie war das möglich, all die Jahre? Dass sie untertauchten. Dass man sie nicht bemerkte. Das macht mich so betroffen«, sagt die Rathauschefin. Die Frage, die Findeiß stellt, stellt sich in Zwickau jeder: Warum bei uns? »Vielleicht, weil wir ein bürgerliches Umfeld haben«, sagt Findeiß. Weil alles so ruhig sei, ruhiger als in Leipzig und Dresden. Und man dennoch inmitten der 100.000 Menschen gut verschwinden könne.

Und Zwickau bot noch mehr. Eine Neonazi-Infrastruktur. Die es dem Trio erst möglich machte abzutauchen. Die Kameraden aus Thüringen haben es nicht weit. Die aus Zwickau sind schon da. Man muss mit Sabine Zimmermann sprechen, Bundestagsabgeordnete der Linkspartei, Bezirkschefin Zwickau beim DGB, um davon zu erfahren. »Wir hatten schon immer eine gut ausgebaute rechtsextreme Szene«, sagt sie. Als Klose Ende 2006 in den Landtag kam, sei eine gefestigte rechte Struktur daraus geworden. »Ich denke, dass Klose eine Rolle spielt in der ganzen Geschichte«, sagt Zimmermann. Nur welche, das sei noch die Frage. An diesem Freitag veranstalten Stadt und Gewerkschaftsbund in Zwickau eine Kundgebung auf dem Georgenplatz, den Appell für Demokratie und Toleranz. Sie wollen trauern und zeigen, »dass Zwickau keine Heimstätte rechtsextremen Terrors ist«. Es gibt viel zu besprechen.

Quelle: Martin Machowecz/ Die Zeit/ 25.11.2011

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