Kleinstadt gratuliert NS-Kriegsverbrecher

Chronik Tageszeitung „Freie Presse“ vom 12. März 2012

Die Stadt Kirchberg im Süden von Zwickau gratuliert einem Nazi-Kriegsverbrecher in ihrem Amtsblatt zum Geburtstag. Der Bürgermeister verweist auf das Gleichbehandlungsprinzip.

Kirchberg – Algimantas Dailide wird heute 91 Jahre alt. Die Stadt Kirchberg hat seinem wohl umstrittensten Einwohner im Amtsblatt dazu beglückwünscht – in einer Reihe mit anderen Bürgern der Stadt. Genau das stieß jetzt einem Kirchberger sauer auf, der die „Freie Presse“ darauf aufmerksam gemacht hat, aber anonym bleiben will. Dailide stand viele Jahre beim Simon-Wiesenthal-Zentrum in Jerusalem auf der Liste der meistgesuchten Nazi-Kriegsverbrecher. Gut ein halbes Jahrhundert lebte der gebürtige Litauer unbehelligt in den USA, verlor seine Staatsbürgerschaft und wohnt seit 2003 in Kirchberg. Nur einmal fuhr Dailide in seine litauische Heimat. Das war 2006. Dort stellte er sich der Justiz, wurde als Kriegsverbrecher zu fünf Jahren Haft verurteilt, musste die Strafe aber wegen seines Alters und Gesundheitszustandes nicht antreten.

Die Staatsanwälte warfen dem Mann vor, im Jahr 1941 dem litauischen Geheimdienst Saugumas geholfen zu haben, zwölf Juden einzufangen, die aus dem Ghetto in Vilnius entkommen waren. Sie wurden später getötet. Was an jenem Tag im Oktober 1941 wirklich passiert ist, weiß nur Dailide allein. Damals war er 19 Jahre alt. Er sei auf einem leeren Laster mit drei Kollegen gefahren. Bei einem Stopp habe man einen identischen Lastwagen mit zwölf Menschen auf der Ladefläche gesehen. Die Autos seien zurückgefahren und er nach Hause geschickt worden. Er glaubt, er sei Teil eines Ablenkungsmanövers gewesen. Immer wieder hat Dailide seine Unschuld beteuert. Angehörige der katholischen Kirchgemeinde in Kirchberg, die sich heute um ihn kümmern, glauben ihm.

Bürgermeister Wolfgang Becher (Freie Wähler) verweist auf das Gleichbehandlungsprinzip: „Das mag manchem vielleicht makaber vorkommen. Wir sind in einer unangenehmen Situation. Aber der alte Mann ist Bürger der Bundesrepublik und er ist Einwohner von Kirchberg. Wir haben einmal festgelegt, dass unabhängig von der Person ab dem 70. Geburtstag jeder im Amtsblatt beglückwünscht wird.“ Deshalb strich das Meldeamt auch Algimantas Dailide nicht von der Liste.

Quelle: Hans-Peter Kuppe/ Freie Presse/ Zwickauer Zeitung/ Montag, 12.03.2012/ Seite 9

Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • Google Bookmarks
  • MySpace
  • email