Einen November später

Zwickauer Zelle Tageszeitung „Freie Presse“ vom 18. Oktober 2012

Ein Jahr nach der Explosion des Verstecks der NSU-Terroristen – wie erinnert Zwickau an den Tag?

Zwickau – „Mehr als 100 Helfer sind gestern zu einem Großeinsatz an die Frühlingsstraße ausgerückt. Zwar wurde der Brand schnell gelöscht – doch das Haus ist nicht mehr zu retten.“ So stand es an dieser Stelle am 5. November 2011. Bald stellte sich heraus, dass mehr explodiert ist als nur ein Haus. Und dass der Brand noch lange nicht gelöscht ist. In dem ehemaligen Siedlerheim Weißenborns versteckten sich jahrelang drei rechtsextremistische Terroristen, denen unter anderem zehn Morde vorgeworfen werden. Der Begriff „Zwickauer Terrorzelle“ entstand und ist bis heute fast jeden Tag groß in den Medien. Knapp drei Wochen nach der Explosion folgten fast 2500 Menschen dem „Zwickauer Appell für Demokratie und Toleranz“ und gedachten der Opfer des NSU-Trios. Ein Jahr nach der Explosion will es die Stadt ruhiger angehen. Es wird eine Podiumsdiskussion im Alten Gasometer geben mit dem Titel „Nationalsozialistischer Untergrund“, an der OB Pia Findeiß (SPD), Journalisten und Rechtsextremismusexperten teilnehmen. „Wir wollen das Thema nicht tot schweigen. Wir wollen es aber auch nicht aufbauschen“, sagt Findeiß.

Einigen im Stadtrat sei selbst die Podiumsdiskussion noch zu viel gewesen. Anderen ist das deutlich zu wenig, zum Beispiel René Hahn von der Linksfraktion: „Ich finde es traurig, dass Zwickau ein Jahr nach der Explosion nicht mehr als eine Podiumsdiskussion zu Stande bringt. Da passiert in anderen Städten, die weniger in die NSU-Geschichte verwickelt waren, deutlich mehr.“ Der Deutsche Gewerkschaftsbund hat kurzfristig eine Demonstration für den 10. November unter dem Motto „Ihr Geist spukt weiter“ angemeldet. Hahn, einer der Organisatoren, rechnet mit maximal 500 Teilnehmern.

Die Stadt setzt auf nachhaltige und kontinuierliche Arbeit statt auf Aktionismus, sagt Findeiß. Dazu gehöre die enge Zusammenarbeit, in deren Rahmen auch die Podiumsdiskussion steht, mit dem Bündnis für Demokratie und Toleranz. Zwickaus Flaggschiff im Umgang mit dem Thema Rechtsextremismus, hat nach der Enttarnung des Trios neue Mitglieder gewonnen. „Die Zusammenarbeit ist fruchtbarer geworden seither. Man merkt, dass sich bei vielen die Prioritäten verschoben haben“, sagt Projektleiterin Sabine Hietzke und nennt hier vor allem die Schulen. Es gab eine Auszeichnung vom Bund, und der Freistaat verdoppelte die Fördersumme für das Bündnis. „Dennoch wäre es schön, wenn wir uns nicht weiterhin von Jahr zu Jahr hangeln müssten, sondern kontinuierlich arbeiten könnten. Aus Projekten sollten endlich Strukturen werden“, sagt Mario Zenner vom Bündnis. „Immerhin“, sagt Erwin Killat, 1995 Mitbegründer des ehemaligen „Bündnis gegen Rechts“, „geben auch Vertreter bürgerlicher Parteien seit November 2011 ohne Wenn und Aber zu, dass es das Problem Rechtsextremismus gibt.“ Die Sensibilität für das Thema sei in der ganzen Stadt gestiegen, glaubt auch Findeiß. Der Zwickauer Polizeipräsident Jürgen Georgi bemerkt, dass sich das bisher in der Anzeigebereitschaft rechtsextremistisch motivierter Straftaten noch nicht ausdrückt. Diese sei nur leicht gestiegen seit letztem Jahr.

Autor Toralf Staud warnte indes gestern bei einer Konferenz in Zwickau: „Rechtsextremismus ist aggressiver und bürgerlicher geworden und wird trotz der Enttarnung der NSU noch immer unterschätzt.“

Quelle: Christian Gesellmann/ Freie Presse/ Zwickauer Zeitung/ Donnerstag, 18.10.12

Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • Google Bookmarks
  • MySpace
  • email