Künstler fordern Mahnmal

Zwickauer Zelle Tageszeitung „Freie Presse“ vom 7. Mai 2013

Über die Verbrechen des Nationalsozialistischen Untergrunds soll nicht einfach Gras wachsen, verlangen die Mitglieder des Grass-Lifting-Camps.

Zwickau – Politik ist immer ein bisschen Theater, meinte Platon – und Theater auch schon immer ein bisschen Politik, analysierte Theaterwissenschaftlerin Doris Kolesch. Für die jungen Künstler der Gruppe „Grass Lifting Camp“, die aus Mitgliedern und Freunden des Theaters Plauen-Zwickau bestehen, ist die Zwickauer Politik vor allem in einem Bereich nicht bühnenreif: bei der Aufklärung und Verarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), gegen dessen Mitglied Beate Zschäpe sowie weitere Helfer gestern der Prozess in München begonnen hat. An der Stelle des letzten Unterschlupfes des NSU an der Frühlingsstraße gruben Franz Knopp, Gretl Kautzsch, Gundula Hoffmann und Nele Wolfram deshalb gestern einen Spatenstich Gras aus. „Damit wollen wir symbolisch sagen: Wir wollen nicht, dass Gras über die Sache wächst“, sagte Franz Knoppe. Erinnerung müsse auch an den Orten der Täter stattfinden, fordert der 31-Jährige.

Das Haus, in dem das NSU-Trio Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt bis zum 4. November 2011 lebten, ist vergangenes Jahr abgerissen worden. Die Fläche wurde begrünt, Rasen, Sträucher und Bäume angepflanzt. Oberbürgermeisterin Pia Findeiß (SPD) wollte damit verhindern, dass ein Pilgerort für Rechtsextreme entstehen kann. „An diesem Ort wurden die rechtsradikalen Verbrechen des NSU geplant – das darf nicht einfach unter einer Grasschicht verschwinden“, sagte Knoppe. Die Gruppe fordert die Einrichtung eines permanenten Mahnmals in Zwickau. „Wir wollen keinen Pilger-, sondern einen Aufklärungsort“, sagte Gretl Kautzsch, „auch wenn es hier keine Opfer gab.“ Kautzsch ist Ausstattungsleiterin am Theater. Mehr politische Bildungsarbeit an Zwickauer Schulen forderte Puppentheaterdirektorin Gundula Hoffmann. Ein großes Publikum war den Machern nicht vergönnt. Etwa 20 Menschen verfolgten die Aktion, die meisten davon Medienvertreter. „Wir als Anwohner sind hier zu zweit vertreten. Das ist traurig“, sagte eine Rentnerin. Das ausgegrabene Stück Gras soll der Oberbürgermeisterin überreicht werden. Ein Teil davon soll zudem auf der Homepage der Gruppe versteigert werden.

Quelle: Christian Gesellmann/ Freie Presse/ Zwickauer Zeitung/ Dienstag, 07.05.2013/ Seite 9

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