Schwulenhass?

Chronik Tageszeitung „Freie Presse“ vom 25. Juli 2013

Gerichtsreport: Wegen gefährlicher Körperverletzung ist gestern ein 33-Jähriger verurteilt worden. Sein Opfer leidet bis heute an den Folgen der Tat.

Zwickau – Schwulenhass? Simon R.* bestreitet das. Es war ein Aussetzer, sagt er. Einer, der seiner Trunkenheit zuzuschreiben ist und der ihm heute leidtut. Ein Aussetzer? Simon R., 33 Jahre alt, berufstätig, aus einer Stadt nahe Zwickau, ist gestern zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden. Denn der Montagearbeiter hat im September vergangenen Jahres einen heute 60-jährigen Mann zusammengeschlagen. Er schlug ihm ohne Grund mehrmals ins Gesicht, trat dann den am Boden Liegenden ins Gesicht und in die Körpermitte.

Grundlos? „Ich habe nichts gegen Homosexuelle – so lange sie mich in Ruhe lassen“, sagt der Angeklagte vor dem Amtsgericht. Es ist eine Verhandlung, die viele Fragen aufwirft. Auch die: Wie konnte es dazu kommen? Diese Frage bleibt unbeantwortet. Fakt ist: Der junge Mann kam von einem Fest nach Hause, er hatte fünf Bier intus, wollte nur schnell Geld holen und anderswo weiterfeiern. Als er aus seiner Wohnung trat, in der Tasche 1500 Euro, da sah er an der Bushaltestelle gegenüber Bernd K.* – einen Mann, den er flüchtig als homosexuell kennt und der ihm vor sieben Jahren mal nachgegangen ist. Das war Simon R. sehr unangenehm, vergessen konnte er die nach Meinung des Gerichts harmlose Szene offenbar nicht. Er habe sie wieder vor Augen gehabt, als er den Mann krankenhausreif prügelte, sagt der Angeklagte. Einen doppelten Kieferbruch trug das Opfer unter anderem davon, ist inzwischen mehrfach operiert, seinen linken Arm kann der Mann noch immer nur zum Teil bewegen. Für all das hat Simon R. eine Freiheitsstrafe erhalten.

Beendet war die Nacht für R. mit der Schlägerei nicht. Er wurde wenig später überfallen, seines Telefons sowie des Geldes beraubt. Im Krankenhaus lag er plötzlich im gleichen Zimmer wie sein Opfer. Bernd K. erkannte seinen Peiniger nicht, weil er bei dem Angriff keine Brille getragen hatte. R. aber wusste, wen er vor sich hatte. Er unterstützte den Mann, schmierte ihm Brote, gab sich jedoch nicht zu erkennen. Schicksal? Ein Zufall brachte die Wahrheit ans Licht. Auf der Suche nach Spuren des Raubes fand die Polizei Spuren von Bernd K.s Blut auf den Schuhen des jungen Mannes. Sonst wäre er möglicherweise nie als der Schläger enttarnt worden.

Wieso wird die Strafe zur Bewährung ausgesetzt? Richter Stephan Noback führte in der Urteilsbegründung an, dass sich Simon R. zum Täter-Opfer-Ausgleich bekennt. Für Zahnarzt-, Krankenhaus- und andere Rechnungen muss er vermutlich einen hohen fünfstelligen Betrag zahlen – und das will er auch. Dazu muss er weiter auf Arbeit gehen, so das Kalkül des Richters. Simon R, den Noback als Kontrollverlust-Trinker bezeichnet, versicherte, dass er seine Hände vom Alkohol lässt. Das Urteil hat er angenommen.

*Namen geändert

Quelle: Sara Thiel/ Freie Presse/ Zwickauer Zeitung/ Donnerstag, 25.07.2013/ Seite 9

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