Eine Partei sucht sich selbst

AfD Tageszeitung „Freie Presse“ vom 12. Oktober 2013

Sie holte mehr Stimmen als Grüne und FDP im Landkreis Zwickau: die rechtspopulistische »Alternative für Deutschland« bereitet die Gründung des Kreisverbandes Zwickau vor

Zwickau/Limbach-Oberfrohna. Wenn es nach den Zwickauern ginge, säße die Alternative für Deutschland (AfD) bereits im Bundestag. 6,1Prozent der Stimmen erhielt die Partei, die erst im April gegründet worden ist, im Wahlkreis 165. Der Wahlkampf war spontan und wurde auf kurzen Wegen organisiert. Rund 1000 Plakate wurden aufgehängt, tausende Flyer verteilt, ein Wahlkampfbüro am Zwickauer Hauptmarkt eröffnet, Wahlkampfstände in Fußgängerzonen aufgestellt – mitunter gehörten zu den aktiven Wahlkämpfern Leute, die noch nicht mal Mitglied der AfD waren. Einige hinterließen ihre Handynummer im Internet: „Aufkleber fürs Auto könnt ihr bei mir bestellen“, heißt es da zum Beispiel. Bei all der Aufbruchstimmung ist noch gar niemandem aufgefallen, dass der Name des Bundesvorsitzenden Bernd Lucke auf der Homepage falsch geschrieben ist.

Ansturm nach der Wahl

Am Donnerstagabend trafen sich Mitglieder und Sympathisanten der AfD in einem Hotelrestaurant in Limbach-Oberfrohna, um die Gründung des Kreisverbandes Zwickau vorzubereiten. Das Interesse an der Veranstaltung war groß, die Enttäuschung danach auch. 35 Mitglieder hat die Partei im Landkreis bereits, seit der Bundestagswahl sind noch einmal 17 Anträge auf Mitgliedschaft eingegangen, sagt Koordinatorin Annelie Schnitzer. Zum Vergleich: Die Grünen haben 53 Mitglieder im Landkreis. Die Gründung des Zwickauer Verbandes, der einer der ersten und größten in Sachsen wäre, soll am 10. November erfolgen. Statt mit spontanen Aktionen und kurzen Wegen müssen sich die Politikneulinge nun erstmal mit Bürokratie und Vereinsmeierei auseinandersetzen: Ein Antrag musste beim Landesverband gestellt werden, eine Satzung, eine Kassenordnung, eine Geschäftsordnung müssen noch beschlossen, Vorstand, Schatzmeister, Stellvertreter, Protokollführer gewählt werden. Und bevor jemand Mitglied werden darf, wird er „durchleuchtet“, wie Schnitzer, eine 62-jährige Rentnerin, sagt: „Jeder Interessent muss sich erklären. Wir wollen verhindern, dass Leute aus Problem-Parteien oder extremistischen Organisationen zu uns kommen.“ Wer sich für ein Amt bewirbt, muss sein polizeiliches Führungszeugnis verlesen und eine Stasi-Erklärung unterschreiben.

Abgang nach Abstimmung

Die Zeit drängt – 2014 stehen Kommunalwahlen, die Landtags- und die Europawahl an. Überall will die AfD mitmischen und in die Parlamente einziehen. „Wir müssen jetzt alle Energie darin stecken, Themen zu finden und herauszufinden, was die Leute bewegt“, sagt Rico Walther. Der 31-jährige Karosseriebauer ist bisher einziger Anwärter auf den Vorsitz des Kreisverbandes. Unter den etwa 50 Anwesenden waren am Donnerstag auch viele Sympathisanten und Unterstützer. Manche trugen Anzug, manche Kapuzenpulli. Manche waren früher bei der SED, zwei sind von der CDU übergelaufen, auch ein Zwickauer Stadtrat ist gekommen. „Aber 90 Prozent unserer Mitglieder waren vorher noch nie in einer Partei“, sagt Uwe Wurlitzer vom Landesverband. Ein Beispiel ist André Thiemann. Der 44-Jährige leitet ein Unternehmen in Meerane, wie viele andere AfDler auch, sagt er: „Es läuft einiges schief in Deutschland, deswegen will ich mich engagieren.“ Die anderen Parteien seien ihm zu autoritär geführt, von der AfD erhoffe er sich Basisdemokratie und offene Diskussionen. Damit war es aber schnell vorbei: Ein Mitglied stellte einen Antrag auf Ausschluss der Öffentlichkeit. Die Partei-Kollegen stimmten zu. Und bereuten es nachher – denn Sympathisanten und Unterstützer fühlten sich vor den Kopf gestoßen. Nach einer Stunde wurde der Antrag hektisch revidiert – da war die Hälfte der Anwesenden schon gegangen.

Quelle: Christian Gesellmann/ Freie Presse/ Zwickauer Zeitung/ Samstag, 12.10.2013

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