Grasslifter haken nach

Zwickauer Zelle Tageszeitung „Freie Presse“ vom 3. Januar 2015

Die Zwickauer Künstlergruppe fordert Aufklärung über die NSU-Verbrechen – und wird in Chemnitz und Dresden erhört.

Zwickau/Chemnitz. Sie lassen tatsächlich kein Gras über die Sache wachsen: Die Künstlergruppe Grasslifter, die sich in Zwickau gegründet hat, nachdem bekannt wurde, dass sich die rechtsextremistische Terrorgruppe NSU mehr als zehn Jahre hier versteckte, fordert mehr Aufklärungsarbeit über die Taten des NSU. Am 4. November, dem dritten Jahrestages der Explosion des NSU-Verstecks in der Frühlingsstraße, schickten die Grasslifter eine offenen Brief, der mittlerweile von 225 Menschen unterzeichnet wurde, an Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) sowie die Oberbürgermeisterinnen von Chemnitz und Zwickau.

„Wir wollen dazu aufrufen, dass die schrecklichsten rechtsradikalen Verbrechen nach 1945 in Deutschland angemessen bearbeitet werden. Unser Ziel ist es, dass solche Taten unter uns nie wieder entstehen können“, heißt es darin. Geantwortet hat nach mittlerweile drei Monaten nur das Chemnitzer Stadtoberhaupt. 2015 werde sich eine Arbeitsgruppe Rechtsextremismus damit beschäftigen, „wie mit der Aufarbeitung der Verbrechen des NSU“ in Chemnitz umgegangen werden kann, antwortete Barbara Ludwig (SPD) und lud die Grasslifter ein, mitzureden. Für ihre Aktionen werden die Grasslifter zudem im kommenden Jahr mit dem mit 2000 Euro dotierten Preis „Aktiv für Demokratie und Toleranz“ durch die Bundeszentrale für politische Bildung ausgezeichnet, bereits die zweite Auszeichnung für die 15 Mitglieder starke Gruppe. Der Sächsische Verfassungsschutz, der von den Grassliftern den Satire-Preis „Goldener Hase“ verliehen bekam, hat die Gruppe ebenfalls zum Gespräch eingeladen. Die Grasslifter hatten ihm Versagen bei der Entdeckung des NSU, der sich zu zehn Morden bekannte, vorgeworfen. Eine Antwort von Zwickaus OB Pia Findeiß (SPD) steht noch aus, soll aber im Januar erfolgen, sagte Stadtsprecher Mathias Merz der „Freien Presse.“

„Die Geschehnisse der letzten Monate machen umso deutlicher, wie wichtig es ist, über die Verbrechen des NSU aufzuklären“, sagt Grasslifter Franz Knoppe. Er weist auf die Pegida-Demonstrationen in Dresden hin, „wo mehrere tausend Menschen rassistische Motive teilen. Nicht zu vergessen, dass es auch in Zwickau Berichte über rassistische Äußerungen eines Polizeibeamten und bei Bürgerversammlungen gab und rechtsradikale Drohungen gegen einen Stadtrat verschickt wurden. Wir befürchten, dass aus dieser Stimmung wieder neue größere Bedrohungen entstehen. Wir glauben, dass eine historische Verantwortung besteht, Geschichte sichtbar zu machen, um daraus Handlungen für die Zukunft zu verändern“, sagt Knoppe.

Quelle: Christian Gesellmann/ Freie Presse/ 03.01.2015

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