Bürgermeister als „Volksverräter“ beschimpft

Asyl Tageszeitung „Freie Presse“ vom 3. November 2015

Asylgegner versuchten am Wochenende, die Weiterfahrt von Flüchtlingsbussen zu blockieren. Für Bürgermeister Lothar Ungerer gibt Meerane ein Bild des Jammers ab.

Meerane. Eine aufgeheizte Menge skandiert immer wieder „wir sind das Volk“. Feuerwerkskörper explodieren, Eier fliegen auf Busse. Zwei Bereitschaftspolizisten werden durch Pyrotechnik verletzt. Die Bilanz des Abends sind drei kurzzeitig festgesetzte Demonstranten sowie vier Anzeigen, zwei wegen Körperverletzung, eine wegen Verstoßes gegen das Sprengstoffgesetz und eine wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte. Der Anlass war, dass Asylbewerber am Meeraner Bahnhof vom Zug auf Reisebusse umsteigen sollten.

Schock über Gewaltbereitschaft

Dabei hatte es lange so ausgesehen, als würde der Protest ruhig ablaufen. Die Ausschreitungen begannen Sonntag Abend erst nach dem Redaktionsschluss der Glauchauer „Freien Presse“. Augenzeugen sprechen von etwa 100 Menschen, die versuchten, die Abfahrt von Flüchtlingen vom Meeraner Bahnhof zu blockieren. Ein aus Passau kommender Zug brachte 689 Asylbewerber nach Meerane, wo sie mit Bussen auf Unterkünfte in Sachsen verteilt werden sollten. Die Asylgegner waren einem Facebook-Aufruf gefolgt und hatten sich schon am Nachmittag am Bahnhof versammelt.

Am Tag danach ist es am Bahnhof wieder ruhig. Ein Mitarbeiter der Meeraner Stadttechnik räumt Müll weg, den die Protestierer nachts zuvor liegen gelassen haben. Im Rathaus ist Dienstberatung, wie jeden Montag. Alles wieder normal? Nein, findet Bürgermeister Lothar Ungerer (parteilos). Er war am Sonntagabend stundenlang vor Ort und versuchte, mit Asylgegnern ins Gespräch zu kommen. Dabei musste er sich anrempeln und als „Volksverräter“ beschimpfen lassen. „Ich bin schockiert über diese Bereitschaft zu Gewalt“, sagt er. „Das gab es in der Stadt noch nicht.“ Für ihn hat Meerane am Sonntagabend ein „Bild des Jammers“ abgegeben.

Zwischenzeitlich war es der Polizei gelungen, die Störer mit einem Ablenkungsmanöver nach Glauchau zu lotsen. Das Magazin „Focus“ berichtete gestern im Netz mit der Schlagzeile: „Reingefallen! So genial überlisteten Polizisten Flüchtlingsgegner im sächsischen Meerane“. Die Beamten zogen Fahrzeuge ab und leiteten dadurch einen Großteil der Menge in die Nachbarstadt. Als der Zug mit den Flüchtlingen in Meerane ankam, waren die Polizisten schneller wieder vor Ort.

Zu den gewaltsamen Auseinandersetzungen kam es, während die Beamten die Menge in die Leipziger Straße abdrängten. Teilnehmer sprachen davon, dass die Polizei Reizgas und Schlagstöcke eingesetzt habe. Andere Augenzeugen verneinten das und beteuerten, von der Polizei sei keine Gewalt ausgegangen. Polizeisprecher Oliver Wurdak sagte, es sei nicht auszuschließen, dass die Kollegen den Schlagstock quer vor die Brust nahmen, um die Menge wegzudrängen. Eine Frau wurde offenbar verletzt, aber nicht durch Polizeieinwirkung, so Wurdak.

Asylgegner feiern sich selbst

Die Landesdirektion bezeichnet die Vorfälle als „nicht akzeptabel“. Sprecher Holm Felber zufolge seien die Ausschreitungen aber „weit weniger scharf“ gewesen als jene in Freiberg vor einer Woche. „Wir werden auch weiterhin Züge als Transportmittel nutzen“, kündigt er an. Gegebenenfalls müsse man häufiger die Bahnhöfe wechseln.

Die 13 Mitarbeiter des Roten Kreuzes, die die Asylbewerber mit Getränken versorgten, sollen ebenfalls als „Volksverräter“ beschimpft worden sein. Rolf Schade, Vorstandsvorsitzender des DRK-Kreisverbands Glauchau, will sich dazu nicht äußern. Weder Helfer noch Asylbewerber seien zu Schaden gekommen. „Unsere Aufgabe war, humanitäre Hilfe zu leisten“, sagt er. „Weiter will ich dazu nichts sagen.“ Die Asylgegner feiern sich währenddessen selbst im Netz. „Ich bin unglaublich Stolz auf Meerane das macht Schule!!!!!“, war da zu lesen.

In die geplante Erstaufnahmeeinrichtung am Seiferitzer Schulweg wären die Flüchtlinge ohnehin nicht eingezogen. Bereits am Freitag hat die Meeraner Stadtverwaltung dort einen Baustopp verhängt, weil nötige Unterlagen nicht vorliegen würden. Im ehemaligen Lehrlingswohnheim sollen nach dem Umbau bis zu 200 Personen untergebracht werden. Holm Felber von der Landesdirektion Sachsen sagt dazu: „Wir werden daran arbeiten, die Probleme auszuräumen.“

Quelle: Michael Stellner/ Freie Presse/ Zwickauer Zeitung/ Dienstag, 03.11.2015

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