Hunderte solidarisieren sich mit der NPD

Asyl Tageszeitung „Freie Presse“ vom 9. November 2015

Nach den gewaltsamen Ausschreitungen vom vergangenen Wochenende legen Asylgegner aus Meerane noch einmal nach. An die Spitze des Protests setzen sich Rechtsextreme.

Meerane. Aus dem Lautsprecher klingt es, als wäre Meerane mitten im Krieg. „Was würdet ihr tun ohne Freiheit? Wollt ihr kämpfen?“, fragt eine Stimme. Sie gehört dem deutschen Synchronsprecher von Mel Gibson, und die Zeilen gehören zu der charismatischen Rede, die der von Gibson gespielte William Wallace im Film „Braveheart“ vor einer Schlacht spricht, um seine Krieger einzuschwören. So martialisch beginnt die Kundgebung gestern Nachmittag auf dem Meeraner Markt. Mehrere Hundert Menschen haben sich eingefunden, offiziell um gegen die Asylpolitik der Bundesregierung zu protestieren. Der einzige Redner auf dem Markt ist der NPD-Kreisvorsitzende und Stadtrat Patrick Gentsch. Der Applaus, den er in seinen Redepausen bekommt, zieht sich durch alle Bevölkerungs- und Altersschichten. Einige Demonstranten haben Plakate mitgebracht, auf denen Parolen stehen wie „Ihr brecht Recht und Gesetz, unseren Widerstand brecht ihr nicht“ oder die Warnung vor einem „Ethonzid“ an der deutschen Bevölkerung. Letzteres Schild war schon einen Tag vorher in Hohenstein-Ernstthal zu sehen gewesen.

Gentsch spielte die Vorfälle von vor einer Woche herunter, als Asylgegner sächsische Polizisten am Meeraner Bahnhof mit Feuerwerkskörpern attackiert hatten. Viele Meeraner hätten sich rein „zufällig“ am Bahnhof getroffen, sagte Gentsch. Dort seien lediglich „zwei Eier“ und ein paar Knallkörper geworfen worden. Schuld an der Eskalation sei die Polizei gewesen, wiederholte er. Die Zuhörer spendeten dieser Verharmlosung der Geschehnisse Beifall. Äußerungen von Bürgermeister Lothar Ungerer (parteilos), der den Gewaltausbruch scharf verurteilt hatte, bezeichnete Gentsch als „eine Frechheit“. Er werde „unbequem“ bleiben, bis die Gerechtigkeit wieder in diesem Land einziehe, sagte der NPD-Politiker, der vor einem halben Jahr verurteilt worden war, weil er in einer Glauchauer Disco eine dunkelhäutige Frau beleidigt und geschlagen hatte.

Gegenkundgebung für Offenheit

Währenddessen hatte sich eine nur 20-köpfige Gruppe am Weberbrunnen getroffen, die für ein weltoffenes Meerane eintrat. Karsten Eisenkrätzer (Die Linke) betonte: „Wir wollten ein Zeichen setzen, dass es auch uns in Meerane gibt.“ Polizisten sicherten die Gegendemonstration ab. Als der Protestzug der Asylgegner daran vorbeimarschierte, skandierte er „Volksverräter“ und „wir wollen keine Ausländerheime“. Als die Asylbefürworter der Menge zuwinkten, fühlten sich viele Gegner provoziert und zeigten beleidigende Gesten.

„Bedrückend“ bis „peinlich“

Als „bedrückend“ empfand Freie-Wähler-Chef Matthias Ulbricht den Protestmarsch. Sabine Martens (FDP) bezeichnete die fremdenfeindliche Kundgebung als „peinlich“. Ihrem Ehemann, dem ehemaligen sächsischen Justizminister Jürgen Martens, wurde von einem Passanten nahegelegt, er solle dahin zurückgehen, wo er hergekommen sei, nämlich in den Westen der Republik. Martens konterte: „Ich lebe seit 25 Jahren hier. Und Sie? Sind Sie überhaupt Meeraner?“ Er bekam keine Antwort. Der Jurist merkte sarkastisch an: „Die deutsche Staatsbürgerschaft wird eben nicht per Intelligenztest verliehen.“

Quelle: Michael Stellner/ Freie Presse/ Glauchauer Zeitung/ Montag, 09.11.2015.

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